Der Puls des Lebens

Der Herzschlag in der Musik

Musik und Rhythmus begleiten den Menschen vom Mutterleib an bis ins Alter – und wohl auch noch darüber hinaus. Denn er ist selber Rhythmus und Klang.

Der Hörsinn der Embryos

Noch ungeboren im Mutterbauch lebt der Fötus schon in einer von ständigem Pulsieren umgebenen Klangwelt, denn der Hörsinn ist das erste vollkommen ausgebildet Sinnesorgan eines noch ungeborenen Kindes. Bereits am siebten Tag ist das Ohr des Ungeborenen als kleiner Punkt erkennbar. Etwa ab der zehnten Schwangerschaftswoche ist die Cochlea (Schnecke), in der sich das Cortische Organ, also das eigentliche Hörorgan, befindet, bereits ausgewachsen. Etwa 20 Wochen nach der Befruchtung hat das Innenohr des Embryos seine endgültige Größe erreicht. Doch sehr wahrscheinlich beginnt das Ungeborene viel früher zu hören. Tatsächlich nimmt es schon in den allerersten Wochen sehr genau die Schwingungen und Gefühle seiner Umwelt wahr.

Schalldruck-Messungen ergeben, dass es in der Gebärmutter ziemlich laut ist. „Allein von den Strömungsgeräuschen her kann man das Leben im Mutterleib mit dem Leben an einer Autobahn vergleichen. Die intra-uterine Geräuschkulisse sinkt nie unter 28 dB. Der Embryo hört nicht nur die Bewegungen der Mutter, die Außengeräusche und ihre Stimme, sondern den strömenden Blutfluss in ihren Adern, ihre Atmung und das Lärmen in ihren Gedärmen. Der Geräuschpegel kann bei lautem Singen bis zu 84 dB ansteigen.“ (Michael Hertl, „Die Welt des ungeborenen Kindes“) Doch am meisten wird das Hör-Erleben des Ungeborenen durch den Rhythmus des pochenden Herzens der Mutter geprägt. Bis zu seiner Geburt hört der Embryo den Beat des mütterlichen Herzschlages etwa 26 Millionen Mal. Dieser Rhythmus beruhigt, schafft konstante Stabilität im noch ungeborenen Leben.

Der Herzschlag der Mutter ist die bedeutendste frühkindliche Rhythmuserfahrung und so etwas wie das Metronom – das elementare rhythmische Maß. So erstaunt es nicht, dass die Pulsation des Herzschlages der Urpuls der menschlichen Musik ist, der unbewusst ein rhythmisches Grundgefühl schafft, das im Verhältnis zu allen anderen Pulsationen steht. Der mütterliche „Heartbeat“ und der doppelfrequente Herzschlag des Ungeborenen sind gewisserart die erste und prägendste Rhythmussektion des Lebens.

Neugeborene beruhigen sich und atmen tiefer, wenn man ihnen einen normalen, ruhigen Herzschlag vorspielt, während sich mit einer Steigerung des Rhythmus auf mehr als 120 Schläge pro Minute ihre Unruhe sichtbar bis zum Weinen steigert.

Dieser Takt mit 60 Schlägen pro Minute, der einem ruhigen Herzschlag entspricht, war als „Tactus integer valor“ besonders von Mitte des 15. bis Ende des 16. Jahrhundert die rhythmische Grundlage der europäischen Musik. Vornehmlich bevorzugte auch Johann Sebastian Bach diesen Grundpuls in seiner Musik – wie er auch heute noch bei vielen Kompositionen nicht zufällig gebräuchlich ist.

Ebenfalls nicht zufällig entspricht dieser 60-taktige Herzschlag haargenau einer Frequenz von 1 Hz. (Diese Feststellung ist im Hinblick auf die „Matrix des Lebens“ von großer Bedeutung, denn Hertz (Hz) ist die Maßeinheit, in der all die diffizilen Schwingungs-Frequenzen der Matrix sich messen lassen.)

Dieses Wissen um den inneren Puls war nicht nur in Europa bekannt. Er ist in allen Kulturkreisen zu finden. Und die meisten anderen Tempi entstehen durch Verhältnisse, die in mathematischer Beziehung zu dieser Grundpulsation stehen. Alle Tempiwechsel in der Musik – Beschleunigung, Verzögerung, Schwankung und Variation – haben hier, oder in anderen harmonikalen Strukturen des menschlichen Körpers, ihre Vorbildung. Der Puls des Herzschlages korrespondiert mit den Rhythmen der Natur und des Kosmos.

„Musikalischer Rhythmus ist ein Spiegel der Rhythmen in der Natur. So erlangen wir durch das Erleben und Kennenlernen von Pulsationen im musikalischen Bereich einen Zugang zu allen Phänomenen, die mit Pulsation verbunden sind.“ (Reinhard Flatischler)

Rhythmus ist also eine grundlegende Funktion biologischer Systeme. Jeder Organismus – („Organ“= hier auch im Sinne von „Klangwerkzeug“, griechisch: „organon“, oder auch „Stimme“) – ist ein biologisches System. Alle organistischen Systeme stehen innerhalb der „Matrix des Lebens“ mit ihren spezifischen Rhythmen in wechselseitiger Beziehung zueinander. Das heißt: Jedes biologische System ist Teil des EINEN großen Systems, in dem sich alle Systeme gegenseitig überlagern und beeinflussen. Jedes – sei es das kleinste oder größte Klangwerkzeug, die lauteste oder leiseste Stimme im kosmischen Orchester – innerhalb der Schwingungsscala durchdringen sie sich als Frequenzen und Wellen des elektromagnetischen Wellenmeeres. Die Scala der „Matrix des Lebens“ reicht von den rhythmischen Schwingungen mikrokosmischer Elemente und Teilchen im atomistischen und molekularen Bereich, bis zu den galaktischen Rhythmen der Zentralsonne auf ihrer Bahn um die alles bewegende Sonne in der Mitte vom All.

     Pythagoras darf als letzter Überbringer des „ganzheitlichen Weltbildes“ gelten, bevor Aristoteles die Wissenschaften in die Separierung der voneinander getrennten Fachgebiete schickte. Bis auf den heutigen Tag bewirkt die Sprachverwirrung, dass Forscher und Wissenschaftler eines Fachgebietes die Fachsprachen der anderen Disziplinen nicht mehr verstehen.

Im frühen Mittelalter war die pythagoräische Überlieferung des Zusammenhangs von Mathematik, Physik und Musik in Vergessenheit geraten, bis er im 9. Jahrhundert wieder entdeckt und weiterentwickelt wurde.

Im Mittelalter war Ancius Manlius Severinus Boethius (480 bis 524) die Autorität für die auf Zahlen und Proportionen gegründete Musiktheorie der Antike. Seine fünf Bücher ”De institutione musica“ waren bis in die beginnende Neuzeit hinein die einflussreichste musiktheoretische Schrift. Ganz im Sinne der Pythagoräer gliederte Boethius die unhörbare und hörbare Musik in „Musica mundana“ (Gleichmaß der Bewegung der Himmels- Körper und die Sphärenharmonie); „Musica humana“ (Zusammenspiel von Körper und Seele des Menschen – auch im Wechselspiel der Beziehungen mit seinen Mitmenschen); und „Musica instrumentalis“ (Die hörbare Musik der Stimmen und Instrumente). Die Musica humana und Musica instrumentalis wurden bezüglich der Musica mundana als nachrangig und nachschöpferisch betrachtet.

Wie schon der griechische Philosoph Plotinos (205 bis 270) sagt: ”Alle Musik, wie sie auf Melodie und Rhythmus beruht, ist der irdische Stellvertreter der himmlischen Musik, die sich im Rhythmus der ursprünglichen Idee bewegt.“

 

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