Erinnerung an das zukünftige Weltbild

     „Es ist alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“ (Johannes Kepler)

DIE HARMONIE DER WELT

     Tatsächlich könnte die Harmonik eine Brücke zwischen dem vergessenen ganzheitlichem Weltbild und der modernen Wissenschaft bauen – und wesentlich zur Bildung eines integrativen Bewusstseins der globalisierten Menschheit des 21.Jahrhunderts beitragen. Mehr als nur eine spekulative Metaphysik, vereinbart sie die diversen Wissenschafts-Disziplinen und philosophischen oder religiösen Weltanschauungen über alle historischen und kulturellen Grenzen hinweg. Dies könnte dem Menschen im Wassermannzeitalter in seiner Beziehung zu sich selber, zur Natur und zu Gott zum dringend notwendigen neuen Selbst- und Weltverständnis verhelfen. Oder um mit Johannes Kepler zu sprechen: ”Wenn der Sturm rast und der Staat vom Untergang bedroht ist, können wir nichts Würdigeres tun, als den Anker unserer friedlichen Studien in den Grund der Ewigkeit zu senken.“

Dieses Buch möchte nicht nur dazu beitragen die universelle Harmonik zum Gedenken an eine einstige ganzheitliche Weltsicht in Erinnerung zu bringen, sondern insbesondere auch auf neue Forschungsergebnisse der modernen Quantenphysik aufmerksam machen, die einige pythagoräischen Hypothesen, die bislang als spekulativ galten, auf bahnbrechende Weise bestätigen. So zählen die Erkenntnisse über das „Schwingungswesen Mensch“ – und die Strukturen der „Matrix des Lebens“, die im Verlauf dieser Schrift als Wirklichkeit des Seins deutlich werden sollen, zu den vornehmsten Forschungsgebieten der künftigen ganzheitlichen Wissenschaft.

So folgen wir in Erwartung großartiger Enthüllungen weiter den Spuren des Pythagoras durch die Geschichte, die uns über Kopernikus und den mittelalterlichen Harmoniker Johannes Kepler direkt zur modernen Weltraumforschung führen werden.

Johannes Kepler (1571–1630) lebte in einer Zeit, in der das Weltbild noch nicht in eine religiöse und eine wissenschaftliche Weltsicht geteilt war – wie heute in der säkularisierten Gesellschaft gemeinhin als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Für ihn steht wissenschaftliche Erkenntnis noch nicht im Gegensatz zu religiöser Kontemplation oder mystischer Erfahrung. In ihm verbinden sich die magisch-symbolische Naturbeschreibung des frühen Mittelalters und das moderne quantitativ-mathematische Denken der Neuzeit.

Durch den jüdischen Gelehrten Maimonides (1135–1206) war im 12. Jahrhundert – über den Umweg der arabischen Schule des Averroes (1126–1198) – Aristoteles zum zentralen Philosophen einer vernunftgemäßen Begründung christlichen Glaubens erhoben worden. Einerseits also geprägt von einem „kreationistischen“ Weltverständnis, nahm Kepler sich andererseits durchaus die Freiheit, die dogmatischen Glaubenssätze durch Logik und Vernunft zu hinterfragen.

Auch durch die Wiederentdeckung Platons für das Abendland im 15. Jahrhundert durch Marsilio Ficino (1433–1499), der dessen Schriftwerk – wie auch das ”Corpus Hermeticum“ – in lateinischer Sprache herausgab, hatte das abendländische Denken neue Impulse bekommen. Das aus siebzehn Texten bestehende „Corpus Hermeticum” (1473) wird zwar dem Hermes Trismegistos zugeschrieben, ist aber wohl eher eine Interpretation seiner Lehre, die von verschiedenen neuplatonischen, gnostisch-christlichen und jüdischen Autoren der ersten nachchristlichen Jahrhunderte stammt.

Die hermetische Symbolik und allegorische Bildersprache, die immer mehr Bedeutungen in sich trägt, als dem ersten Blick erkennbar wird, erhebt im Gegensatz zum Selbstverständnis der Wissenschaft keinen Anspruch auf ein alles logisch zu erklärendes Verstehen. Diesbezüglich steht die Hermeneutik der religiösen Übermittlung der Offenbarung des göttlichen Wortes näher, das ebenfalls nicht linear – bloß verstandesgemäß – sondern immer mehrsinnig – auch innerlich – zu verstehen ist. So ist es nicht erstaunlich, dass sich in die Deutung der Bilder des Hermes Trismegistos durch menschliche Fehlinterpretation der Irrtum einschlich, wovor allerdings weder die kirchlichen Ausleger des göttlichen Bibelwortes, noch die Theorien der Wissenschaftler gefeit sind (siehe „geozentrisches Weltbild“). Das Missverständnis beginnt schon damit, dass man die Bilder und Gleichnisse wortwörtlich und bloß äußerlich sieht – anstatt ihren inneren Sinn zu verstehen.

Dies führte bei manchen Hermetikern des Mittelalters zu der Vorstellung, man könne das „Lebenselixier“ – womit doch nichts anderes als das geistige „Wasser des Lebens“ (der Energiestrom der Liebe, den die alten Inder `Shakti´ und die Christen `Heiliger Geist´ nennen) gemeint war –   tatsächlich auf chemischem Wege herstellen. Gleichwohl in diesen Anfängen der Alchimie die Wurzeln der modernen Chemie und Pharmakologie begründet liegen, konnten die Rezepturen und magischen Formeln der Alchimisten letztlich nicht zum verhofften Ziel führen. Die „Vollendung des Großen Werkes”, von der die hermetische Lehre zeugt, die diesen alchimistischen Magiern das Geheimnis zur Herstellung des `Steines der Weisen´ war, konnte deshalb nicht zielführend sein, weil diese Alchimisten verkannten, dass Hermes Trismegistos bei dieser uroffenbarten Rezeptur nicht von der Umwandlung von Blei zu Gold sprach – sondern vielmehr von inneren – seelischen Transformations- und Wandlungsprozessen.

Das hermetische Denken inspirierte auch die abendländische Esoterik, die sich – neben der Kirchenlehre und der empirisch orientierten Wissenschaft – zu einer weiteren Perspektive des ganzheitlichen Weltbildes entwickelte, die sich im Laufe der Zeit immer mehr verselbständigte. Der Konflikt der Esoterik (was im Sinne des Wortes zunächst nicht mehr als „Innerlichkeit“ heißt) mit den Dogmen der Kirche und der Systematik der empirischen Wissenschaft kommt vor allem daher, dass sie zu einem Sammelbecken verschiedenster unorthodoxer Anschauungen wurde, die kaum mehr eint, als die Übereinkunft, dass es „zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, von denen sich die Schulweisheit nichts träumen lässt.“ (Shakespeare „Hamlet“)

Wie auch immer. Der Grat zwischen Irrtum und Wahrheit ist schmal. Genialität und Wahnsinn liegen oft nah beisammen. Und so schien – zumindest vielen wissenschaftlich denkenden Zeitgenossen Keplers – seine Suche nach der „Sphärenharmonie“ auch so eine Schimäre zu sein. ”Keplerus, (Joann) einer der vornehmsten Astronomorum… Viele seiner Meynungen waren seltsam, sonderlich da er der Sonne, denen Sternen und Planeten nicht nur ein Leben, sondern auch Seelen zuschrieb und von der Erde vornehmlich behaupten wollte, dass sie durch Ausblasung der Winde und Dämpfe aus denen Bergen und unterirdischen Hölen atmete. Indessen war er in der Mathesi sehr geschickt.“ (Zedlersches Universallexikon, 1754)

Harmonice Mundi 

     Wie schon Pythagoras war auch Johannes Kepler von der Existenz einer menschlichen Ohren unhörbaren Sphärenmusik überzeugt. Er brachte die Anordnung der Himmelskörper mit den Zahlenverhältnissen der pythagoräischen Intervalle des Monochords in Verbindung und entwickelte so seine richtungweisenden Theorien der „Welt-Harmonik“. Kepler sah in den Zahlenverhältnisse der Musik das Urbild der harmonikalen Proportion und setzte sie in Beziehung zum Sonnensystem. Mit den von ihm entdeckten Planetengesetzen eröffnete er der Astrophysik einen neuen Gültigkeitsraum, ohne den diese Wissenschaft heute nicht denkbar wäre. Denn er enthüllte erstaunliche Zusammenhänge der geheimnisvollen Ordnung, die irdische Mathematik, Geometrie und Musik mit den kosmischen Verhältnissen im Sonnensystem verbindet.

So wurde Kepler nicht nur Wegbereiter der heutigen Weltraumforschung und der wissenschaftlichen Optik, sondern  schuf mit den ”Rudolfineschen Tafeln“, (die er, auf der Grundlage von Tycho Brahes Aufzeichnungen vervollständigte), auch ein Standardwerk der Planetenpositionen, das von Astronomen und Astrologen hochgeschätzt, jahrhundertelang den Seefahrern bei der Navigation auf den Weltmeeren half. Das Hauptwerk von Johannes Kepler aber ist die „Harmonice mundi“ (lat. Weltharmonik). Darin berechnet er nicht nur die Planetenbewegungen, sondern weist zudem die tatsächliche Existenz der Sphärenharmonie nach.

Das geistige Fundament auf dem für Kepler die „Harmonice mundi“ steht ist die Überzeugung, dass die Erde wie das Universum vollkommen sei, da von Gott erschaffen. Neben der Musik, deren Wirkung er als „wohltuend“ für den Menschen empfindet – und die er „ein Geschenk des Himmels“ nennt, ist seiner Meinung nach Vollkommenheit auf der Erde nur in der Mathematik und Geometrie zu finden: „Die Geometrie ist einzig und ewig, ein Widerschein aus dem Geiste Gottes.“ (Kepler)

Stephen Hawking schreibt über Kepler und dessen Werk: „Wie Copernicus, von dessen Arbeiten er sich inspirieren ließ, war auch Kepler ein zutiefst religiöser Mensch. Sein fortwährendes Studium der universellen Eigenschaften begriff er als Christenpflicht, als Erfüllung der frommen Aufgabe, das Universum zu verstehen, das Gott geschaffen hat … Obwohl er nie den Bekanntheitsgrad von Galilei erreicht hat, hinterließ Kepler ein Werk, das sich für professionelle Astronomen wie Newton als außerordentlich nützlich erwies, weil sie in seinen Schriften eine Fülle von wissenschaftlich exakten Details fanden. Johannes Kepler war ein Mensch, der ästhetische Harmonie und Ordnung über alles liebte, und alles was er entdeckte, war unauflöslich verknüpft mit seiner Vorstellung von Gott.“

Für Kepler hat zweifellos Gott die Naturgesetze mit dem Ziel geschaffen, Ordnung im Universum und der Natur walten zu lassen. Deshalb ist das Studium des Sternenhimmels und der Natur für Kepler nichts anders, als „Gottesdienst“. Seine Forschung zielt weniger auf das „Wie?“ als vielmehr auf das „Warum?“. Er gewinnt seine Erkenntnis der harmonikalen Strukturen nicht aus der Analyse der Erscheinlichkeit eines Dinges, sondern findet sie deshalb, weil sie für ihn als Ausdrucksform des göttlichen Schöpfungsplanes einfach harmonikal sein müssen. Kepler glaubt in diesem Plan zwei wesentliche Prinzipien erkannt zu haben: Geometrie, der er insbesondere bei der Kugelform eine universelle Bedeutung beimisst – und Harmonik, die ebenso in der Harmonienlehre irdischer Musik wie in den Klängen der Sphären hörbar ist. „Ich glaube, dass die Ursachen für die meisten Dinge in der Welt aus der Liebe Gottes zu den Menschen hergeleitet werden können.“ (Kepler)

Doch andererseits war Kepler auch einer der ersten modernen Denker, der die Grenze zwischen subjektiver Meinung und Spekulation einerseits – und objektiv messbarem Fakt andererseits – klar erkannt hat. „Wenn die errechneten Werte nicht übereinstimmen, war unsere ganze Arbeit vergeblich.“ (Kepler) Doch wenn das Messergebnis mit der Theorie übereinstimmte, befand er sie für richtig, auch wenn sie im Widerspruch zur herrschenden Meinung oder dem kirchlichen Dogma stand. „Auf die Meinungen der Heiligen über diese natürlichen Dinge antworte ich mit einem einzigen Wort: In der Theologie gilt das Gewicht der Autorität, in der Philosophie aber das der Vernunftsgründe.“ (Kepler) Insofern darf Johannes Kepler zu den Begründern der modernen Naturwissenschaften gezählt werden.

Sein Lehrbuch „Grundriss der kopernikanischen Astronomie“ (”Epitome astronomiae copernicanae“, 1618–1621) setzte das „Heilige Offizium“ der Katholischen Kirche auf den Index der verbotenen Bücher, weil das oberste Inquisitionsgericht in Rom 1616 die Lehre des Kopernikus – dass nicht die Sonne um die Erde – sondern allzeit die Erde nur um die Sonne kreise, verboten hatte.

Das Weltbild des Kopernikus

Dreimal in seinem Leben wurde Kepler, der ein überzeugter Protestant war, aus religiösen oder politischen Gründen von den Orten seines Wirkens (Graz, Prag und Linz) vertrieben.Schlimmer noch als Kepler, der immerhin sein Hauptwerk „Harmonices Mundi“ unbeanstandet veröffentlichen konnte, erging es allerdings in dieser Zeit seinem kollegialen Zeitgenossen Galileo Galilei (1564–1642) mit der Inquisition. Wie aus dem Briefwechsel zwischen Kepler und Galilei (1597) hervorgeht, sympathisierten beide schon früh mit dem kopernikanischen System des heliozentrischen Weltbildes. Obwohl Galilei seine Anschauung zunächst geheim hielt, führte ein Brief an den Benediktiner Benedetto Castelli, in dem Galilei eine Neuinterpretation der Heiligen Schrift forderte, 1613 zum Konflikt mit der Katholischen Kirche. Als er trotz der Ermahnung des Offiziums (1616) weiterhin für die kopernikanische Lehre eintrat, wurde er 1633 vom Inquisitionsgericht verurteilt und unter lebenslangen Hausarrest gestellt. Der Bann der Katholischen Kirche wurde erst im Jahr 1992 durch Papst Johannes Paul II. aufgehoben, als der Vatikan den Irrtum eingestand und Galileo Galilei posthum rehabilitierte.

 Hermetik        

Der eigentliche Grund für die Bestrafung seiner besseren Einsicht, war jedoch wohl weniger sein Eintreten für das heliozentrische Weltbild, als vielmehr die Anklage, ein Anhänger der Hermetik zu sein. Galilei wurde vorgeworfen mit Giordano Bruno (1548–1600) zu sympathisieren, der der Ketzerei beschuldigt, schließlich verbrannt worden war, weil er in der Hermetik die „vormalige, wahre Philosophie“ sah. Denn die hermetische Lehre schien der Katholischen Kirche gefährlich, weil sie zu eigenständigem Denken und Handeln ermutige, Doktrinen und Dogmen ablehne und Gotteserkenntnis durch eigene Anstrengung lehre. Alle diese Anschuldigungen mögen zutreffen, wenn auch der Vorwurf des eigenmächtigen Strebens nach Gotteserkenntnis – außer bei den eben erwähnten Alchimisten und Magiern – wohl weniger als Versuch zur Selbsterlösung gedeutet werden kann, sondern vielmehr als selbstverständliches Bemühen, das große Schöpfungswerk Gottes als dessen geistbegabter Partner zu verstehen.

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