Wie die Ganzheitlichkeit verloren ging

     Bevor ausführlicher auf den göttlichen Bauplan des inneren und äußeren Universums zu kommen sein wird, zunächst noch einmal ein Blick auf die zu Unrecht kaum beachtete Wissenschaft der Harmonik. Sie ist als Ergänzung von Musik, Mathematik, Geometrie und Physik die getreueste Überlieferung des einstmals ganzheitlichen Wissens.

Dies führt schon wieder zu Pythagoras und den Pythagoräern. In Ermangelung schriftlichen Aufzeichnungen von Pythagoras selber, weiß man nicht genau, was tatsächlich auf ihn zurückgeht oder ihm nur zugeschrieben wird. Seine Schüler, die Pythagoräer, waren als Geheimbund oder Orden bis ins 4. Jahrhundert v.Chr. eine einflussreiche Philosophenschule in Süditalien. Seine Zeitgenossen beschreiben ihn als „Wundermann“, dem allein es möglich gewesen sei, den Klang der Planeten – die Sphärenmusik – zu hören.

Doch soll er hier nicht als „letzter Weiser“ der Menschheitsgeschichte mystifiziert oder glorifiziert werden. Tatsächlich wird auf die legendäre Gestalt dieses griechischen Denkers und Weltreisenden wohl auch manche Leistung projiziert, die erst aus späterer Zeit stammt oder auch aus wesentlich früheren Quellen, worauf unsere Theorie eines urtümlichen Menschheits-Wissens deutet, als die in Vergessenheit geratene einstige Ganzheitliche Wissenschaft.

     In einer der ältesten Beschreibungen seiner Person schreibt Heraklit (etwa 540-480 v.Chr.): ”Pythagoras widmete sich am meisten von allen Menschen der Forschung, und indem er daraus dies herausgriff, machte er sich daraus eine eigene Weisheit: Vielwisserei, kunstvolle Gaunerei.“ Damit meinte Heraklit wohl, dass die Forschung des Pythagoras vor allem darin bestand, Kenntnisse, die er bei anderen fand, auszuwählen und zu kommentieren. Nun, letztlich ist auch dies – die wichtigen von der unwichtigen und die wahren Informationen von den falschen unterscheiden zu können, gerade in der Informationsflut der heutigen „Informations-Gesellschaft“ – eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit.

Woher dem Pythagoras, der lange in Ägypten, Israel, Babylonien und Persien war, bevor er nach Griechenland zurückkehrte, seine Weisheit tatsächlich kam, vermuteten wir bereits: Das durch ihn relikthaft überlieferte ganzheitliche Wissen, lehrte im alten Ägypten schon Toth, der in der Thora `Henoch´ genannt wird. Er, der Urururenkel Adams und Evas war der erste Priester der Menschheit, der direkt von Gott die Gaben des Geistes bekam. Er überbrachte das Wissen von der Verbundenheit aller Dinge, die Sternenkunde, die Schrift, die Mathematik und die Geometrie. Deshalb gaben die Griechen, die ihn jahrtausende später Hermes nannten, ihm den Beinamen „der Götterbote“. Diesen Henoch-Thot-Hermes, auch bekannt als `Hermes Trismegistos´, nannten die Römer `Merkur´ und verehrten ihn ebenfalls als Gott. Auf diese nicht unwesentlichen Zusammenhänge wird an anderer Stelle noch ausführlicher einzugehen sein.

     Von dem Pythagoräer Philolaos von Kroton existieren die authentischsten handschriftlichen Aufzeichnungen über das Denken des Pythagoras. Von Diogenes Laertius im 3. Jahrhundert n. Chr. erfahren wir, dass Philolaos seine Lehre in einem Buch aufgeschrieben haben soll, das Platon nach dessen Tod gekauft  habe, was immerhin den Ursprung von Platons „Timaios“ erklären würde, das wie kaum ein anderes das pythagoräische Denken erklärt. In diesem Werk von Pythagoras-Philolaos-Platon legt der wahrscheinlich fiktive Pythagoräer Timaios seine Ansichten über die Entstehung der Welt, die Menschwerdung und die Gesetzmäßigkeiten der Harmonik dar. Er beschreibt (neben allerdings auch nur sehr schwer verdaulichen Darlegungen zum Beispiel über die Rolle der Frau in der Gesellschaft) die Schöpfung der „Weltseele“, die Gott nach den Proportionen der „Idealzahlen“ in „vollkommener Harmonie“ erschaffen habe. Diese Idealzahlen der so genannten „Timaios-Tonleiter“ finden sich nicht nur in den konsonanten Tonverhältnisse der Musik, sondern ebenso in den Zahlenbeziehungen der Geometrie. In dieser vollkommenen Harmonie der Weltseele fände die menschliche Einzelseele in ihrem Sinn für Ordnung und in ihrem Empfinden von Wohlproportioniertheit Entsprechung.

     Wie dargelegt, waren die am Monochord gewonnenen Erkenntnisse über die harmonikale Beziehung zwischen der Tonhöhe und der Saitenlänge ein wesentlicher Bestandteil der pythagoräischen Lehre. Demnach regierten ganzzahlige Verhältnisse die Welt. In dieser Lehre hatten irrationale Zahlen wie die des Goldenen Schnittes keinen Raum. Als der Pythagoräer Hippasos von Metapont im 5. Jahrhundert v.Chr. entdeckte, dass dem Pentagramm, dem pythagoräischen Erkennungszeichen, eine irrationale Zahl zu Grunde liegt (Phi), bedrohte dies das Weltbild der Pythagoräer elementar. Und so kam es, wie es zuvor und hernach so oft in der menschlichen Geschichte mit den Übermittlern eines besseren Wissens geschah: Hippasos von Metapont wurde als Verräter aus der Gemeinschaft der Pythagoräer ausgestoßen und getötet, indem man ihn im Meer ertränkte. Damit war, zumindest vorerst, das Weltbild gerettet.

„Ausschaltung der besseren Vernunft aus Gründen persönlicher Eitelkeit, Rechthaberei oder Machterhaltung“ könnte man diesen schicksalhaften Zug des Menschen ganz allgemein nennen, der  beispielsweise institutionalisiert durch die katholische Kirche im Mittelalter (in den Fällen „Giordano Bruno“ und „Galileo Galilei“), ebenso wie durch die islamistische `Scharia´ (wie bei der Verbrennung der ägyptischen Büchersammlung zu Alexandria) oder der Urteile der Pharisäer im Tempel zu Jerusalem (wie bei der Kreuzigung Jesu), schon oftmals zur Verhinderung besserer Erkenntnis führte. Dies erklärt auch zu einem guten Teil den Verlust der ganzheitlichen Weisheit, die der Mensch einst als Gabe des Geistes – zunächst in unmittelbarer Anschauung Gottes, dann durch den Urpriester Henoch/Thot/Hermes und später durch die Propheten und Seher – übermittelt bekam.

     Nun, in der Moderne, da der Mensch mehr denn je auf sein Wissen baut als der Offenbarung Gottes in seinem Herzen zu trauen, lenkt allzu oft der konditionierte Verstand den Wagen, ohne recht zu wissen: woher und wohin? So verkamen die Musik, (die einstmals ein spiritueller Erlebnisweg bewusster Transzendierung war), und auch die Erkenntnis von der Bedeutung der Zeichen von Mathematik und Schrift (die früher in jeder Zahl, jedem Buchstaben und jedem Klang einen wesentlichen Schöpfungsgedanken des Universums ausdrückten) zu bloß noch quantitativ verstandenen Mengen und Maßen. Was nützt es, die Kinder schon früh das Rechnen mit Millionen zu lehren, ohne ihnen die innere Bedeutung zum Beispiel nur der „1“ zu zeigen? (Aber wie sollte man auch, kennt man die innere Bedeutung der Zahlen-Symbole doch selber nicht mehr?!)

     Pythagoras lehrte, entsprechend der den Zahlen zuerkannten herausragenden Bedeutung, die vier Mathemata: Musik, Geometrie, Arithmetik und Astronomie, die für ihn nur verschiedene Ausdrucksformen der EINEN Ordnung waren. Auch für Platon, der die vier Mathemata für die Ausbildung der Führungskräfte seines Idealstaates verlangte, gehörten diese vier Bereiche noch untrennbar zusammen, bevor sie durch Aristoteles zu getrennten Wissenschaften wurden. Immerhin fanden die vier Mathemata Eingang in das allgemeine Bildungs- und Erziehungssystem der Griechen und später auch der Römer – und wurden so zur Basis der Wissenschaft des gesamten westlichen Kulturkreises. Im Mittelalter waren die vier Mathemata des Quadrivium die Hauptfächer der Ausbildung an den Dom-, Stifts- und Klosterschulen und wurden später an den Universitäten neben dem „Trivium“ (der Grammatik, Rhetorik und Logik) als die sieben „Artes liberales“ (die sieben freien Künste) unterrichtet.

     Das Wort „Harmonik“ bedeutet seinem griechisch-lateinischem Wortstamm nach sinngemäß: „Der Einklang des Vielklangs“. Somit umfasst dieser Begriff wesentlich mehr als nur den musiktheoretischen Zusammenhang der Harmonielehre, in dem er fast ausschließlich benutzt wird. Doch mehr als nur jener Wesensteil der mehrstimmigen Musik, der den konsonanten Zusammenklang verschiedener Stimmen kennzeichnet, bedeutet das Wort  „Harmonik“ jenes ganzheitliche Wissen, das im pythagoräischen Sinne durch die interagierende Wechselwirkung der vier Mathemata gekennzeichnet ist: Musik, Geometrie, Arithmetik und Astronomie. Also mehr als nur die Parameter harmonischer Formen der Musik, umfasst die Harmonik alle Strukturen des schwingenden Universums der Matrix des Lebens.

     Als Universitätsstudium wird die Harmonikale Forschung derzeit allerdings ausschließlich – und das auch nur als ergänzende Ausbildung – an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien gelehrt. Hier wurde 1992 auch das „Hans-Kayser- Institut für harmonikale Grundlagenforschung“, das 1967 gegründet wurde, eingegliedert.

     Hans Kayser (1891-1964) widmete sich der interdisziplinären Erforschung der Harmonik. Er war bemüht die Harmonik – als Erinnerung an die einstige Ganzheitlichkeit der Wissenschaft – aus ihrem „Dornröschenschlaf“ zu wecken und wendete sich gegen die immer weiter voran schreitende Zergliederung und Atomisierung der ganzheitlichen Wissenschaft durch Spezialisierung. Kayser folgte den Spuren des Pythagoras und Johannes Keplers und spürte mit erstaunlichen Ergebnissen den Zahlenproportionen des Monochords im Aufbau von Pflanzen und Kristallen nach. Diese Zahlenverhältnisse der musikalischen Intervalle klangen ihm aus allen Bereichen der Natur und des Mikrokosmos der Atome und Moleküle entgegen. Tatsächlich bestätigen neueste Ergebnisse aus Wissenschaft und Forschung auf überraschende Weise die Theorie vom „Klang in allen Dingen“. Immer weiter öffnen sich die bisher verschlossenen menschlichen Ohren den bislang unerhörten Klängen der Sphären des Universums – und denen der Atome oder DNS-Moleküle.

Es war wohl Kayser, der Hermann Hesse im „Glasperlenspiel“ als der namenlose Musikwissenschaftler Pate stand – und auch Joachim Ernst Behrendt maßgeblich zu seinem Werk „Nada Brahma – Die Welt ist Klang“- inspirierte. Kaysers Werke „Akróasis“ (griechisch= die Anhörung) und „Bevor die Engel sangen“ (eine Zeile aus Dantes „Göttlicher Komödie“) sind Annäherungen an das vergessene Wissen vom Klang der Sphären.

„Wir können und dürfen auch sagen: es gibt eine lichte Welt nicht nur im Menschen. – Hört die Intervalle und Akkorde – und es wird eine große Ruhe über euch kommen, eine Ahnung von einer Sphärenmusik wird in eurer Seele aufleuchten, die von Gott ist, zu Gott führt und die ihr die Gnade habt, zu hören und zu erkennen.“ (Hans Kayser)

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