Systemperfidie – das Ende meiner ehrenamtlichen Arbeit im Hospiz

Systemperfidie ist ein Wort, das bis vor kurzem meinem Wortschatz vorenthalten war. Nun habe ich es kennen gelernt und dies ausgerechnet in einer Arbeitsgruppe Freiwilliger im Hospizdienst.

Im vergangenen Jahr stellte ich mich im Hospiz Ludwigpark in Berlin-Buch vor und bekundete meine Bereitschaft, ehrenamtlich in der Sterbebegleitung helfen zu wollen. Das tat ich dann auch, lernte das Hospiz von innen kennen und bin nach wie vor vom Haus sowie der liebevollen und achtsamen Betreuung beeindruckt. Das Haus selbst war mit mir und meiner Tätigkeit zufrieden.

Bis mir die Rahmenbedingungen bewusst wurden.

 

Wir benannten sie Systemperfidie, weil: Jeder, der ehrenamtlich arbeiten möchte, muss einen einjährigen Lehrgang besuchen. Dieser findet jeden Freitagabend an drei Stunden statt. An- und Abfahrt trägt jeder selbst sowie die 50 Euro Kursgebühren. Insgesamt darf man nicht mehr als dreimal fehlen, sonst muss der nicht belegte Kurs im Folgejahr nachgeholt werden. Ist dies geschafft, erhält jeder Teilnehmer ein Zertifikat.

Dieses Zertifikat berechtigt nun den Träger des Hospizes (in meinem Fall der Humanistische Verband Deutschland), meine ehrenamtliche Arbeit bei der Krankenkasse abzurechnen. Das dafür gezahlte Honorar an den Träger ist dann Teil seines Finanzierungskonzeptes. Ich als Freiwilliger erhalte davon natürlich nichts.

Diese Pille habe ich dann noch geschluckt und mich damit getröstet, Betreffende im Hospiz begleiten zu wollen. Nach ein paar Kursteilnahmen fand ich jedoch keinen Trost mehr für mich, denn was mir jetzt begegnete, widersprach meinen Erfahrungen aus bislang dreijähriger Arbeit als Sterbe- und Trauerbegleiter.

Im Gespräch mit Sterbenden und Trauernden lasse ich mich von meinem Herzen führen, handle in Mitgefühl und in Liebe. Im Kurs wurden uns Systeme vorgestellt sowie Stück für Stück ein Handwerkskoffer gefüllt, der uns auf die Arbeit am Sterbebett vorbereiten soll. Hier und da wagte ich dann mal meine Meinung zu sagen, was die Dozenten sichtlich nervte. Immerhin brachten sie jedoch die Geduld auf, mich ausreden zu lassen, um sich im Moment des letzten Wortes von mir zu wenden und ihren Stil weiter zu fahren.

Wir hatten eine Pattsituation. Ich konnte in die Gruppe nichts einbringen (jedenfalls nicht, ohne zu „stören“) und bekam selbst nicht wirklich Inspirierendes für meine weitere Arbeit. Und bat den Träger um ein Gespräch.

Menschlich konnten wir uns im heutigen Treffen gegenseitig verstehen. Die Kolleginnen des HVD sind wirklich kompetent und freundlich. „Doch was sollen wir machen. So ist nun einmal das System in Deutschland.“ Sie wollten gern mit mir weiter arbeiten und ich mit ihnen. Doch wir waren an deutsche Grenzen der Sterbebegleitung gestoßen. „Ich könnte doch auch für euch arbeiten, ohne dass ihr mich abrechnet.“ Das würde jedoch zu viel Unruhe ins System bringen und unsere Zusammenarbeit wurde heute somit beendet.

Schade, ich wollte gern im Netzwerk arbeiten, mich nur nicht systembedingt durch die Freitage bis zum Dezember quälen. Als Sterbebegleiter werde ich dennoch weiter arbeiten, ohne Zertifikat, weiter mit Herz und Liebe – in Familien, die es wünschen.