Gerald Hüther

Reden klarsichtiger Persönlichkeiten im Blog 21

Teil 7

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Gerald Hüther

 

Gerald Hüther (* 15. Februar 1951 in Emleben) ist Neurobiologe und Autor wissenschaftlicher, wie auch populärwissenschaftlicher Bücher und anderer Schriften.
Nähere Informationen: http://de.wikipedia.org/wiki/Gerald_H%C3%BCther

Offizielle Webseite: http://www.gerald-huether.de/

 

Zum Thema des folgenden SPIEGEL Interviews mit Gerald Hüther empfehle ich auch meinen Artikel
DER PROGRAMMIERTE VERSTAND

 

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten, dass jedes Kind ein kleines Genie ist. Das meinen auch viele Eltern, die das Gefühl haben, dass der Einstein in ihrem Sprössling verkannt wird. Wollen Sie denen Mut machen?
Hüther: Ich möchte den Blick dafür öffnen, dass Kinder über viele verschiedene Potentiale verfügen und dass es nicht mehr oder weniger begabte Kinder und Jugendliche gibt. Daher ist es fragwürdig, sie in drei verschiedene Schulformen aufzuteilen und ihren Begabungen entsprechend vermeintlich optimal zu fördern.
Hüther: Ich möchte den Blick dafür öffnen, dass Kinder über viele verschiedene Potentiale verfügen und dass es nicht mehr oder weniger begabte Kinder und Jugendliche gibt. Daher ist es fragwürdig, sie in drei verschiedene Schulformen aufzuteilen und ihren Begabungen entsprechend vermeintlich optimal zu fördern.
SPIEGEL ONLINE: Also doch eher ein Angriff auf das mehrgliedrige Schulsystem.
Hüther: Viele Kinder fallen durch die Erbsensortieranlage, die unsere Schule geworden ist. Nach wie vor wird Begabung mit einer guten Schulnote verwechselt, nach wie vor stellen wir die analytisch-kognitiven Fähigkeiten in den Mittelpunkt. Der eigentliche Schatz, den wir fördern müssten, ist die Begeisterung am eigenen Entdecken und Gestalten, das Tüftlertum, die Leidenschaft, sich mit etwas Bestimmtem zu beschäftigen. All das wird bei den Pisa-Tests gar nicht gemessen.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen allen Ernstes kleine Eigenbrötler heranziehen?
Hüther: Leidenschaftlichkeit und Individualität bedeuten nicht, dass jemand nicht mit anderen zusammenarbeiten kann. Gerade Teamfähigkeit kommt in unserem Schulsystem zu kurz.
SPIEGEL ONLINE: Was machen die Lehrer denn falsch?
Hüther: Die Lehrer können ja auch nichts dafür, dass unser Schulsystem so geworden ist. Doch in Zukunft müssen wir Pädagogen dazu ausbilden, nicht primär Wissen zu vermitteln, sondern die in den Kindern steckenden Talente zur Entfaltung zu bringen. Bisher ging man davon aus, dass diejenigen, die Mathe nicht können, dafür eben unbegabt sind. Es gibt aber kein Einstein-Gen.
SPIEGEL ONLINE: Ist wirklich jeder zu jeder Leistung fähig?
Hüther: Das Gehirn entwickelt sich so, wie man es mit Begeisterung benutzt. Ein Kind verliert die Lust an Mathe, wenn ihm jemand deutlich macht, dass es zu blöd dafür ist – und dann entwickelt es sich in diesem Fach auch nicht weiter.

 

Gelassenheit hilft

 

SPIEGEL ONLINE: Manche Schüler werden auch bei intensivster Nachhilfe die Differenzialgleichung nicht begreifen, für andere ist sie ein Kinderspiel. Und da sagen Sie, dass Begabung nicht vererbt wird?
Hüther: Einige Kinder haben tatsächlich mehr Freude an analytischen Ansätzen, andere können sich besonders gut in andere Menschen einfühlen. Es gibt Kinder, die vielleicht emotional nicht so sensibel sind, die gleichen das durch andere Fähigkeiten aus. Einstein soll so einer gewesen sein. Das kann man dann Begabung nennen – oder Kompensationsleistung.
SPIEGEL ONLINE: Wer nicht mit anderen Leuten kann, ist dafür ein begnadeter Physiker? Das klingt, als würden Sie es sich ein bisschen einfach machen.
Hüther: Dass es so ist, kann ich nicht beweisen. Allerdings kann man Rückschlüsse daraus ziehen, dass blinde Menschen oft einen sehr gut ausgeprägten Tastsinn haben. Auch Menschen ohne Arme können hervorragend mit den Zehen zeichnen lernen. Warum sollte sich nicht auch in den höheren geistigen Bereichen eine Begabung durch eine Kompensation von etwas anderem entfalten?
SPIEGEL ONLINE: Aber dann kann man als Lehrer viele Schüler doch zumindest in manchen Fächern abschreiben.
Hüther: Genau mit dieser Einstellung sind auch die Kinder mit Trisomie 21 noch vor einigen Jahren betrachtet und als unbeschulbar abgeschoben worden. Selbst Experten hielten Menschen mit Down-Syndrom für schwachsinnig und unbegabt fürs Lernen. Jetzt haben die ersten Abitur gemacht und studieren. Heute weiß man: Wofür sie tatsächlich unbegabt sind, ist Frontalunterricht. Sie sind aber sehr sensibel für eine Art Potentialentfaltungskunst. Es braucht jemanden, der ihnen nichts eintrichtern, sondern etwas aus ihnen herausholen will.

 

Ohne Gefühl geht gar nichts

 

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten gerade den Masterstudiengang „Potentialentfaltungscoach“ aus. Was wird ein solcher Coach anders machen als ein herkömmlicher Lehrer?
Hüther: Er müsste jeden Schüler für etwas begeistern können, was dem auf den ersten Blick egal ist. Die Hirnforschung bestätigt: Sobald sich Schüler für etwas interessieren, eignen sie sich das Wissen in sehr kurzer Zeit an, und dann bleibt es auch hängen. Denn nur dann werden im Hirn die Botenstoffe ausgeschüttet, die die Stabilisierung von neuen Netzwerken fördern. Ein Potentialentfaltungscoach müsste auch in der Lage sein, aus einem zusammengewürfelten Haufen ein leistungsorientiertes Team zu machen. Dann würden zum Beispiel in einer neunten Klasse alle unbedingt verstehen wollen, wie die Photosynthese funktioniert.
SPIEGEL ONLINE: Das sind ja hohe Ansprüche. Und die Kinder würden all das Wissen, das sie sich selbst erarbeitet haben, auch wirklich behalten?
Hüther: Genau. Heute wissen junge Menschen schon zwei Jahre nach dem Abi nur noch zehn Prozent von dem, was sie in der Schule gelernt haben, das ist doch verrückt. Wir müssen 100 Prozent anstreben.
SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen – bei so viel Stoff?
Hüther: Die Schüler müssen sich auf das Wesentliche konzentrieren können. Wenn das meiste eh wieder vergessen wird, könnte man die Schuldauer ruhig um noch zwei Jahre verkürzen. Die Frage ist nicht, wie lange jemand lernt, sondern was. Und ob er dabei die Lust aufs Weiterlernen nicht verliert.
SPIEGEL ONLINE: An der Frage der inneren Motivation arbeiten sich Pädagogen schon seit Jahrzehnten ab. Gescheitert sind sie meistens an den Lehrplänen, die sie nun mal erfüllen müssen.
Hüther: Man müsste sich stärker von den Interessen der Schüler und weniger von kultusministeriellen Vorgaben leiten lassen. Wenn man als Jugendlicher spürt, was man alles entdecken und gestalten kann, wächst das Bedürfnis, noch mehr zu entdecken und zu gestalten.
SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten schon lange daran, die Erkenntnisse der Hirnforschung in die Schulwelt zu tragen und müssen doch konstatieren: Unser Schulsystem hat versagt. Verbittert Sie das nicht?
Hüther: Für das vergangene Jahrhundert war dieses System sicher richtig, aber die Welt ist eben nicht mehr dieselbe. Ich bin optimistisch, dass sich das nun auch in der Öffentlichkeit herumspricht und die notwendigen Veränderungen eingefordert werden. Wie schnell das gehen kann, hat uns der Zusammenbruch der DDR gezeigt, daran hätte vorher auch keiner geglaubt. Ich glaube, dass es in sechs Jahren Schule, wie wir sie kennen, nicht mehr geben wird. Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, Schüler durch Systeme zu schleusen, wo sie genau das verlieren, was sie für ihre Zukunft dringend brauchen: Leidenschaft, Eigenverantwortung und Lust, die Welt gemeinsam zu gestalten.

Das Interview führte Christian Bleher