Vom Hören

„Das Auge führt den Menschen in die Welt;

Das Ohr führt die Welt in den Menschen.“

(Lorenz Oken, 1779-1851.)

 

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Bis heute ist der komplizierte Vorgang des Hörens wissenschaftlich nicht vollständig erforscht. Kein anderes Sinnesorgan ist dem Gehirn so nahe, und über so viele Nervenfasern mit ihm verbunden wie das Hörorgan, das zugleich auch Sitz des Gleichgewichtssinns ist.

Das menschliche Ohr ist empfänglich für Schwingungen, deren Wellenlängen zwar ein wesentlich breiteres Spektrum einnehmen als der sichtbare Bereich (mit 2 x 101 bis 2 x 104 Hz etwa 10 mal so umfangreich wie die sichtbare Bandbreite von 1015 Hz), ist aber – verglichen mit der Hörwahrnehmung von manchem Tier – und erst recht bezogen auf die Gesamtheit der Schwingungsfelder der Matrix – ein relativ überschaubarer Frequenz- und Wellenlängen-Bereich. Das Frequenzgebiet der `Hörfläche´ reicht also von etwa 20 bis fast 20.000 Schwingungen pro Sekunde (Hertz). Das ist ein Umfang von 10 Oktaven (Frequenzverhältnis 10:1), während die `Sehfläche´ des Auges zum Vergleich nur eine einzige Oktave (Frequenzverhältnis 1:1) wahrnimmt, die in den sieben Regenbogenfarben sichtbar wird (zwischen etwa 0,75 nm im roten und etwa 0,4 nm im violetten Bereich). Deshalb sei hier – im Sinne einer ganzheitlichen Wahrnehmung des Menschen – in dieser ´augenbetonten´ Zeit, dem Hören das Wort gesprochen.

Immerhin begründet die diffizilere Unterscheidungsfähigkeit des Gehörs gegenüber den menschlichen Augen, dass diese nachweislich leichter zu täuschen sind als die Ohren. Dennoch ist in der heutigen `visuellen Gesellschaft´ das Ohr im Allgemeinen zum Hilfsinstrument des Auges verkommen, was ein Hinweis auf eine `Veräußerlichung´ des Bewusstseins ist. Dabei ist doch das Ohr das eigentliche Schlüsselorgan für das soziale Leben. Deshalb sei gehörlos zu sein schlimmer als blind, weil Taubheit den Menschen sozial vereinsamen ließe. Dies leuchtet ein, denn Hören zu können ist die Voraussetzung für zwischenmenschliche Kommunikation.

Frequenzunterscheidungen über 20 kHz, gleich ob 45 kHz (Hunde) oder 60 kHz (Katzen), sind vom Menschen nicht zu definieren. Wir können kaum ahnen, was für Klang-Erlebniswelten sich hinter diesen Frequenzen unseren Ohren verbergen.

Ein Ornithologe in Tschechien nahm den Gesang einer Schwarzdrossel auf und reduzierte die Geschwindigkeit des Tonbandes schrittweise bis auf 1/8 der Originalgeschwindigkeit. Dem erstaunten Forscher enthüllten sich in dem anfänglichen „Zwitschern“ gar wundersame Melodien im Frequenzbereich der menschlichen Stimme. Dann sang er diese harmonischen Melodien, die sich in dem Zwitschern verbargen, nach und ließ das Aufnahmegerät schrittweise wieder bis zu 8 x schneller laufen – und höre: die von ihm gesungene Melodie hörte sich so an wie das Zwitschern der Schwarzdrossel. Dieses Phänomen scheint ähnlich der Sehgeschwindigkeit von Fliegen zu sein: schon 16 bis 18 Bilder pro Sekunde reichen, um den Menschen die Wahrnehmung eines bewegten Filmes zu suggerieren. Das ist für die Fliegen, die bis zu 200 Bilder pro Sekunde noch als Einzelbilder erkennen, Zeitlupe. Wie gesagt: wir ahnen kaum, was die Matrix des Lebens in jenen Schwingungsfeldern außerhalb unserer Seh- und Hörfelder, die vielen Tieren schon mehr erlebbar sind, für großartige Erfahrungswelten bereithält.

 

Das menschliche Ohr

Die physiologische Akustik beschreibt den Vorgang des Hörens so: „Der Schall erreicht den `Schirm des Radioteleskops´ Ohr und wird über die Ohrmuschel durch den Gehörgang zum Trommelfell geleitet. Durch das komplexe System im Mittelohr von `Hammer, Amboss und Steigbügel´ schwingt der Schall weiter zum Innenohr, wo er über den `Steigbügel´ eine Membran berührt. Die Hebelwirkung dieser kleinsten Knochen des Menschen erhöht den Schalldruck um etwa das 20-fache, der so die spiralförmigen, etwa 2 ¾ Windungen der Ohrschnecke erreicht, die zu ihrem Ende hin verengend, den Schall sammelt und komprimiert. Im Innern dieser Schnecke regt die Schwingung des Schalls die `Bassilar-Membran´ zum Mitschwingen an. Auf dieser Membran bilden eine Vielzahl an Haarzellen das `Cortische Organ´, wo die eigentliche Umsetzung des Schalls in Nervenreize geschieht. Wie der Wind über ein Getreidefeld oder die Gräser einer Wiese streicht, so bringt der Schall die etwa 24.000 Nervenfasern der Haarzellen zum Mitschwingen. Die derart empfangenen Nervenreize werden zum Hörzentrum des Gehirns weiter geleitet. In der Wechselbeziehung des physiologischen Ohres mit dem neuronalen Hörzentrum im Mittelhirn des Menschen erfolgt die Umwandlung der eintreffenden Schallschwingungen in Nervenimpulse …“ (Prof. Dr. G. Langner)

Das menschliche Hörsystem hat eine organische Veranlagung für harmonische Klänge und Proportionen. Davon zeugt, dass die Tonleitern in allen Kulturen Oktaven und Quinten enthalten. Denn die Hörnerven sind deshalb für periodische Signale empfänglicher, weil sie diese ebenfalls nach harmonikalen Grundmustern in periodische Nervenimpulse umwandeln.

„Die Konsonanz (= Klangeinheit der Mitlaute von Tönen im Schwingungsverhältnis ganzer Zahlen) von gleichzeitig erklingenden Klängen oder Akkorden ist umso größer, je größer die Anzahl der bei ihnen übereinstimmenden Obertöne ist.“ (von Helmholtz).

Normalerweise unterscheidet das Gehör Proportionen (zum Beispiel Intervalle) besser als absolute Größen. Um einen gehörten Ton in seiner genauen Tonhöhe zu benennen, bedarf es der Fähigkeit des relativ seltenen `absoluten Gehörs´.

Der Umstand, dass beispielsweise das international genormte Maß von 440 Hz für den `Kammerton A´ eine willkürliche Festlegung ist, weil die Frequenz von 432 oder 448 Hz ebenfalls `A´ und im Grunde fließend ist, wie das Spektrum der Farbe `Gelb-Orange´ in ihrem Übergang von Gelb nach Orange, erschwert die exakte Definition des gehörten Tones.

Je regelmäßiger der Abstand der Obertöne ist, desto deutlicher ist die Tonhöhen-Wahrnehmung, die sich durch die ganzzahligen Proportionen der harmonischen Obertöne der schwingenden Saite auf dem Monochord des Pythagoras definiert. Dass der pythagoräische Abstand der Obertöne ein physiologisch natürliches Element ist, das auch den baulichen Verhältnissen des Ohres entspricht, lässt sich schon an dem Phänomen erkennen, dass das menschliche Gehirn den unhörbaren Grundton eines Instruments als dessen sogenannte `virtuelle Tonhöhe´ errechnet und dieserart `virtuell hört´. Das bedeutet eine Ergänzung des Gehörten im Gehirn nach harmonikalen Prinzipien; ein Prozess, der auch bei anderen Sinneswahrnehmungen und biochemischen Körper-Vorgängen stattfindet. Zum Beispiel gibt es zahlreiche Sehtests und `optische Täuschungen´, in denen das Auge nicht sichtbare (Komplementär-) Farben sieht, unterbrochene Linien und Muster ergänzt, oder Punkte mit unsichtbaren Linien verbindet.

Im Allgemeinen bedient man sich zur Orientierung eines Tones mit fester Frequenz einer Stimmgabel oder eines Stimmgerätes. Von einem solcherart bestimmten fixen Punkt aus, lassen sich dann Instrumente „nach Gehör“ stimmen, indem man die Hörfähigkeit des Ohres (und Mittelhirns) von harmonikalen Intervallen ausnutzt.

Die Erlangung des absoluten Gehörs kann übrigens durch Findung des ureigenen `persönlichen Tones´ gefördert werden. Dieser eigentümliche `innere´ Ton eines jeden Menschen, in dem er sich ursprünglich in Freude und Schmerz ausdrückt, lacht, weint und stöhnt, ist seine ganz persönliche Stimmung, in der er in seiner individuellen `Klangfarbe´ schwingt. Dieser `Grundton´ kann ihm Ausgangspunkt zur Definition relativer Tonhöhen sein, wenn er sich diese Beziehung – nach der Entdeckung dieses konstanten Tones in sich – mittels eines Instruments deutlich macht.

Der Frequenzbereich, den das menschliche Ohr wahrnehmen kann, ist von mehreren Faktoren abhängig. Schon die Abmessungen und Proportionen des Gehörgangs bedingen eine bevorzugte Aufnahme von Frequenzen um die 3 kHz (3000Hz). Die Schwingungen tieferer Frequenzen als 16 Hz – der `Infraschall´ – wird zwar nicht mehr als Ton gehört, jedoch als Vibration wahrgenommen. Die Schwingungen höherer Frequenzen als 20 kHz werden ebenfalls nicht mehr gehört, außer vielleicht in Maßen von Säuglingen, denn die Hörfähigkeit höherer Frequenzen lässt mit dem Alter nach.

Das Ohr ist beim menschlichen Embryo das erste fertig ausgebildete Sinnesorgan, und der letzte Sinn, der noch arbeitet, wenn der Mensch bereits klinisch tot ist. Warum das Hörvermögen für hohe Frequenzen im Alter messbar abnimmt? Physiologisch sicher durch Sensibilitätsverlust der etwa 24.000 Nervenfaser-Haarzellen auf der `Bassilar-Membran´. Psychosomatisch aber wohl eine Folge eines beginnenden Rückzugs der Seele aus der Außenwelt – zurück in ihre Innenwelt, worauf ebenfalls das altersbedingte Nachlassen von Sehkraft und Körperfunktionen hinweist. Dies soll allerdings nichts über die Qualität des Alterns – als Prozess der Reifung, und ein möglicherweise verbessertes Hören und Sehen nach Innen aussagen.

Abgesehen von entwicklungsbedingter Veränderung des Gehörs von der Kindheit bis ins Alter, bestimmen physiologische und psychologische Prozesse das Hören, das also ebenso eine Frage der sinnlichen Wahrnehmung – wie des Bewusstseins ist. Das konditionierte Ohr eines Musikers reagiert in der Regel sensibler auf Schallwellen als jenes eines Jugendlichen, der gewohnt ist, den Lautstärkepegel seiner Soundanlage bis zum Anschlag und zur Lärmgrenze hochzudrehen. Sein Gehör hat eine andere Toleranz, als beispielsweise das Gehör von Jemandem, der sich durch Meditation im Hören des Schweigens übt. Wie überhaupt der Grundpegel im Laufe des Tages sehr unterschiedlich ist und in der relativen Stille der Nacht Klänge hörbar werden, die im erhöhten `Grundrauschen´ des Tages im Allgemeinen untergehen.

 

Stereo- (bi-naurales) Hören

Erst das beidohrige, binaurale Hören ermöglicht durch die zentrale Verarbeitung der von beiden Ohren kommenden Informationen das räumliche Hören und Richtungshören. Dies schafft Orientierung in der akustischen Umwelt (ähnlich dem räumlichen Sehen mit beiden Augen). Diese praktische Einrichtung der Natur (oder des weisen Schöpfungsplanes), versetzt uns in die Lage, die Schallquellen und deren Standort zu lokalisieren. Auch dient diese Einrichtung dazu, unerwünschte Anteile heraus zu filtern, um in geräuscherfüllten Umgebungen die Rede von Jemandem zu verstehen, oder sich beim Musikhören auf ein Instrument konzentrieren zu können. Ebenso basiert das Richtungshören im Wesentlichen auf der bi-nauralen Verarbeitung der eingehenden Impulse im Mittelhirn. Jenes Ohr, das dem Schallereignis näher ist, trifft der Schall eher als das abgewandte Ohr. Durch diese Abschattung des Klanges wird der Schall auf der abgewandten Seite auch etwas leiser wahrgenommen. Dadurch entstehen sogenannte `inter-aurale Differenzen´, die eine Richtungs-Wahrnehmung möglich machen.

 

Andreas Klinksiek

Auszug aus dem neuen Standardwerk der Human-Energetik:

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