Das duale Herz

Duale Seelenpartner

„Dereinst erlöst aus irdischer Gebundenheit werden `Mann´ und `Weib´ in der vollkommensten Erhaltung individueller Eigenart, in ausgeprägter polarer Verschiedenheit als zwei in sich geschlossene Geisteswesen, dennoch in einem einzigen `Ich´ vereinigt sein, da sich im neugeborenen Geistesmenschen dann beider `Sonder-Ich´restlos `deckt´ und jedes `Einzel-Ich´zugleich das `Ich´ des Gegenpols in sich empfindet wie sich selbst. Was Zwei war und ent-zweit, wird so in einem Dritten, als ein neugeeintes Geisteswesen, das aus `Mann´ und `Weib´ besteht, durch alle Ewigkeit verbunden bleiben.“ (Bô Yin Râ)

 

Überwindung des Trennenden

Viele träumen von der Ganzwerdung ihres eigenen Wesens durch die Ergänzung mit einem anderen Menschen, der gegengeschlechtlich all das hat, was Einem selber fehlt (- unsere fehlenden Anteile die uns 100 % männlich und 100 % weiblich machen, wo wir doch alle nur zu einem minderen Anteil das Eine und das Andere sind -). Diese erhoffte Erfüllung können wir tatsächlich einander schenken, wenn da nicht die alten Konditionierungen und Programme wären, die uns immer wieder hinaus reißen würden aus der so wunderbar erlebten Einheit, so dass wir uns nicht mehr als ein gemeinsames Wesen – Eins miteinander und mit Allem – erleben, sondern den Anderen – herausgefallen aus der Gemeinsamkeit des zweigeeinten Herzens – zu unserem eigenen Widerspruch und zum Spiegel unserer Verdrängungen machen.

 

Doch auch dieser Sturz in die Isoliertheit des urteilenden und richtenden Verstandes ist nicht verkehrt, zeigt er doch – solange da noch irgendwelche Schatten fremdprogrammierter Sichtweisen in uns sind – wo es uns noch fehlt, um uns selber in Wahrheit zu erkennen und in Liebe anzunehmen. Denn nichts, was wir dem Anderen aus unserer isolierten Sicht rechthaberisch an den Kopf werfen, das nicht auf uns selber in vollkommenem Maße zutreffen würde, weil wir uns im Anderen nur spiegeln. Solange wird es vorkommen, dass wir aus der vollkommenen Ergänzung unserer beiden Pole in deren Gegensätzlichkeit fallen, bis – ganz wir selbst – wir auch den Anderen ganz sich selbst sein lassen, denn erst dann vermag sich das Wunder wahrer Liebeerfüllung ungestört von uns zu vollziehen.

 

In den meisten Fällen eines Zusammentreffens mit dem vermeintlichen ewigen Seelenpartner handelt es sich allerdings um Spiegelungen unser Selbst im Anderen – Projektionen, die sich bald im Härtetest gegenseitigen „Knöpfedrückens“ (- worin der eigentliche Sinn dieser Verbindungen liegt, um auf diese Weise mehr und mehr Befreiung von alten Konditionierungen zu wirken -) als Illusionen erweisen.

 

Auch die Annahme nur eines Partners, in dem anderen das duale Ideal gefunden zu haben, was der Andere keinesfalls teilen kann, kommt desöfteren vor und ist zumeist nur ein Zeichen von Abhängigkeit. Weil man mit sich selber noch nicht Eins ist und zur Liebe zu sich selbst noch nicht gefunden hat, erwartet man die Erfüllung dessen, was man noch in sich selbst vermisst, als von außen kommend – durch den Anderen – was dieser natürlich unmöglich leisten kann. Diese Situation ist vergleichbar dem Mond, der sein Licht von der Sonne leiht, die aus sich selbst heraus zu leuchten vermag. Der große Unterschied zwischen diesem Leuchten der Liebesonne im sich selbst bewusst gewordenen, liebeschenkenden Herz und dem blassen Widerschein des liebebedürftigen Mondes ist, dass dieses durch und durch wärmt – jenes aber nicht.

 

Allerdings hat dieses Bild von der Sonne und dem Mond auf tieferer Seelenebene größerer Bewusstheit noch eine ganz andere Bedeutung, die der wahren Vereinigung schon wesentlich näher kommt: auf dieser Ebene sind die Vereinigung der Prinzipien des Gebens (männlich) und Empfangens (weiblich) kein Widerspruch mehr – sondern, in der Wirklichkeit eines jeden in sich selbst und auch in der Partnerschaft, eigentliche Erfüllung, denn Geben und Nehmen sind Eins.

Hier bringt das Sehnen nach vollkommener Verschmelzung des Männlichen und Weiblichen in uns – (obwohl doch ein jeder von uns als zugleich Mann und Weib in sich vollkommen Eins ist) – die Sehnsucht nach einer höheren Vereinigung zum Ausdruck, wie sie die Verbindung des Plus- mit dem Minuspol zur Erzeugung elektrischen Stromes anschaulich macht.

 

Doch auch, wenn sich die Unmöglichkeit einer schon diesirdisch vollkommenen Vereinigung erweisen sollte, so ist und bleibt doch die wahre Liebe die Quelle aller Freude. Denn alle Suchenden nach wahrer Erfüllung durch Einswerdung dürfen – ob ihre Liebe erwidert wird oder nicht – einen großen Entwicklungsschritt zur Bewältigung ihrer Lebensaufgabe hier auf Erden tun: die Befreiung von der Illusion des `Schein-Ich´ im Erwachen zum Selbst ihres inneren göttlichen Wesens, denn der Liebende findet – wenn auch vielleicht nicht das Herz eines Anderen – so doch gewiss sein Herz. So fügt es sich – auch wenn man sich Vorstellungen und Erwartungen hingab, die an der Höheren Wirklichkeit des wahrhaften Seins sich messen lassen und platzen müssen, wenn sie nicht im Einklang mit der Wahrheit des Herzens sind, dass die Liebe dennoch auf wunderbare Weise für jeden wahrhaft Liebesuchenden eine unschätzbar wertvolle Entwicklung wirkt. Denn dieses ist die Voraussetzung und Höchsterfüllung der Sehnsucht nach dem idealen Dual, dass wir zunächst die Liebe in uns selber finden, weil die gelebte Liebe der kürzeste Weg zur Vollkommenheit der Gegenwart Gottes im eigenen Herzen ist. Das ist „Bhakti-Yoga“ – wie es die Inder nennen – der Weg der hingebungsvollen Liebe.