Der Mensch als Frau und Mann

twin flames

Was „Liebe“ sei, gibt es wohl so viele Anschauungen und Deutungen, wie es Menschen gibt. Denn jeder deutet und versteht dieses Wort gemäß seiner Fähigkeit zu Lieben.

Nichts vermag das Leben eines Menschen mehr zu verändern als die Liebe. Aus einem vollständigen Wesen, das beide Pole in sich trägt, wird durch die Verbindung zweier Herzen ein größeres Vollständiges. Aus einem Wesen mit einem Kopf, zwei Augen, zwei Ohren, zwei Händen und zwei Beinen wird ein zweiköpfiges Wesen mit vier Augen, vier Ohren, vier Händen und vier Beinen.

 

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist nicht so groß, wie man gemeinhin glaubt. Wir tragen dieselbe Sehnsucht in uns: die Sehnsucht nach Ergänzung durch den geliebten Partner zu einem vollkommeneren Sein. Wir alle sehnen uns nach Liebe. Danach, dass jemand uns annimmt und liebt, so wie wir sind. Doch oft meint ein Mensch, von dem wir diese Erfüllung erhoffen, nicht wirklich uns selbst, sondern hätte uns gern so, wie er es sich erträumt. Da wird dann der Andere zur Leinwand der eigenen Vorstellungen und Erwartungen gemacht. Nach dem ersten Verliebtsein enden solche Bindungen meist mit der ernüchternden Erkenntnis, dass der Eine nur sich selbst im Anderen gesucht hat. Falsch verstandene Liebe will den anderen besitzen. Doch die Liebe ist frei und lässt sich nicht einsperren. Wo man mittels standesamtlicher Bescheinigung oder kirchlichem Trauschein auf einen vermeintlichen Besitzanspruch des Partners pocht, ist die Liebe schon lange fort. Nein, nie kann man sich ihr sicher sein, denn die Liebe will jeden Tag aufs Neue entdeckt und gefunden werden.

 

Liebekäfig

 

So eine „falsche Liebe“ ist zumeist die Folge eines selbst „Falsch-geliebt-worden-Seins“. Denn nur die wenigsten Kinder werden so geliebt, wie sie sind. Die meisten müssen ihren Charakter deformieren, indem sie sich selbst verleugnen und so werden, wie Eltern, Schule und Gesellschaft sie haben wollen, um vielleicht auf diese Weise die ersehnte Liebe zu bekommen. Das reißt Wunden in die Seele des Kindes, die sich im Laufe des Lebens immer deutlicher durch Traurigkeiten und Depressionen bemerkbar machen, denn das Verdrängte „Wahre Ich“ meldet sich, um angenommen und geliebt zu werden. So lange aber diese inneren Prozesse nicht erkannt – und das verdrängte „Schattenkind“ ins Herz gehoben wurde, neigen die Opfer falscher Liebe selbst dazu, falsch zu lieben.

Doch es gibt nicht nur ein Zuwenig an Liebe: es gibt auch ein Zuviel (obwohl dies nicht wirklich Liebe ist, sondern ein falsches Verständnis von ihr). Weil dies erdrückende Zuviel an „Liebe“ ganz für sich behalten will, ist es keine Liebe, sondern nur eigenliebiger Besitzanspruch, der leicht in Hass umschlägt, wenn er nicht erfüllt wird.

Den Unterschied zwischen „falscher“ und richtiger Liebe verdeutlichte schon König Salomon vor etwa dreitausend Jahren mit seinem „Salomonischen Urteil“: Eine Mutter, deren Neugeborenes gestorben war, beansprucht das Kind einer anderen als das ihre. Salomo befiehlt es mit dem Schwert zu teilen und jeder der Frauen eine Hälfte zu geben. Während die Eine es zufrieden ist, dass, wenn sie selbst schon kein Kind haben soll, auch die Andere keines hat, verzichtet diese lieber auf das Kind, wenn es bloß am Leben bliebe. Daran erkennt Salomo die wahre Mutter und spricht ihr das Kind zu.

 

Die Bandbreite der Bedeutung des Wortes „Liebe“ reicht von engherzigster Eigenliebe bis zur uneigennützigen Selbstaufopferung. Der Übergang von enttäuschter Liebe in Hass ist in manchen Vorstellungen von Liebe fließend. Doch in Wirklichkeit ist der Gegenpol von Liebe nicht „Hass“ – sondern vielmehr „Tod“. Denn weil die Liebe ureigentlich das Leben ist, sind wir ohne sie (geistig) wie tot.

Da Liebe das Feuer des Lebens (Agni) ist, kann man auch Gleichgültigkeit (das erloschene Feuer) ihren Gegenpol nennen – oder Angst – die im Gegensatz zum Urvertrauen eines wahrhaft Liebenden steht. Doch eigentlich kann man überhaupt nicht von irgendeinem Gegenpol der Liebe sprechen, weil sie sich als vereinigendes Prinzip jeder irdischen und kosmischen bipolaren Begrifflichkeit entzieht. Sie ist einfach. Sie hat nichts Gegensätzliches, sondern nur Verbindendes, weil sie der höheren Sphäre des ganzheitlichen Bewusstseins entspringt, die der dualistische Verstand weder verstehen noch benennen kann.

 

Adam und Eva

 

Die Liebe macht, dass die Liebenden sich in ihrer individuellen Existenz wechselseitig als Eins erkennen und vereinigend zueinander strebend, sich gegenseitig stärken und weiten. Denn:

„Lieben heißt einen anderen Menschen so sehen zu können, wie Gott ihn gemeint hat.“ (Dostojewskij)

Der Begriff „Liebe“ bezeichnet zugleich Zustände höchsten Glücks und tiefster Trauer. Wie ein Licht, dass im eigenen Leben ausgeht, ist es, wenn der oder die Geliebte fort ist. Deshalb ist der Zurückbleibende von zwei Liebenden, die durch den Tod getrennt werden (Wie im uralten Lied von den zwei Königskindern: „sie konnten zueinander nicht kommen, denn das Wasser war viel zu tief…“), sich oft mehr der Existenz des Jenseits bewusst, weil er die geistige Präsenz des Geliebten noch verspürt. Denn auch die diesirdischen Grenzen des Todes, stellen für die Liebe keine wirkliche Begrenzung dar. Das ist es, was ihre mystischen Grenzlosigkeit ausmacht: Das Herz geht dorthin, wo seine Liebe ist. Dies ist auch der Grund für die in allen Kulturen weit verbreitete Anschauung, dass es für Liebende nach ihrem Tod ein Wiedersehen gibt.

 

Die moderne Soziologie hingegen vermag sich dem Begriff „Liebe“ nicht mit dem Herzen zu nähern, sondern nur mit dem Seziermesser des kritischen Verstandes. Sie versteht unter Liebe „nicht-kognitive Aspekte von zwischenmenschlicher Kommunikation“ und betrachtet sie als „semantische Symbolsprache“, als „Emotion“, als „Kulturmuster“ oder als „Intimsystem“. Um dieses, dem Verstand nicht greifbare Wort „Liebe“, nicht aussprechen zu müssen, erfindet man Bezeichnungen wie „Symbolischer Interaktionismus“, die es ersetzen sollen. Doch letztlich können solche „Kopfgeburten“ den Sinn der Liebe nicht erhellen, sondern verschleiern ihn nur noch mehr. Dem Kopf mögen die Untersuchungen der „sozialen Funktionen“ der Liebe und deren Bezüge zu Gewalt und Macht Aufschluss geben: dem Empfinden des Herzens können diese Definitionen indes nicht genügen. Auch die Benennung und soziologische Deutung verschiedener besonderer Erscheinungsformen von Liebe in der Gesellschaft – wie „Mutterliebe“ oder die (oft ideologisch belegte) „Vaterlandsliebe“ – können die Komplexität dieses Begriffes immer nur ausschnittsweise erklären.

 

Zum „Liebeschenken“ braucht es kein rationales Denken – es ist sogar hinderlich. Denn der Verstand kann die Liebe nicht verstehen, also fürchtet er sie als etwas, das sich der Berechenbarkeit und seiner Kontrolle entzieht. Die Liebe teilt sich dem Kopf nur mittelbar mit – denn sie ereignet sich vielmehr im Herzen. Manche allerdings vermuten den Ursprung ihrer Liebe eher im Bauch oder in noch darunter liegenden Bewusstseinszentren – und so ist es bei vielen wohl auch. Denn die Art der Liebe hängt nicht zuletzt davon ab, welchen Bewusstseinstiefen unseres Wesens sie entspringt. Manchmal ist es die körperliche Anziehungskraft, manchmal die geistig-mentale Bindung gegenseitigen Verstehens – und manchmal ist es der Einklang der Herzen der Seelen, die aus Männern und Frauen Paare werden lässt. Vollkommen ist die Liebe dann, wenn sie Geist, Seele und Körper der Liebenden in wechselwirkenden Einklang – und so alle Saiten des Wesens zum Liebeschwingen bringt.