Vom Himmel und der Hölle der Liebenden

Das Einssein der Liebenden

Das chinesische Symbol der Vereinigung von Yin und Yang zeigt die duale Zweiheit als vollkommene Einheit, in der das Weibliche und das Männliche untrennbar miteinander verbunden sind – und das Eine ohne das Andere nicht sein kann. Das Weibliche ist bei jedem Individuum keimhaft im Männlichen und das Männliche keimhaft im Weiblichen enthalten. Beide ergeben untrennbar ein Ganzes. Diese vollkommene Integrität ist das eigentliche Wesen der dualen Seele – jenseits von Raum und Zeit in der Körperlosigkeit.
 

 

Die irdische Wirklichkeit

Doch in der körperlichen Welt ist bald alles seelisch-ganzheitliche Schauen vergessen. Beim Leben in der Materie treten manch irritierende Verwirrungen auf – zumal als Kind auf dem Erziehungsweg, der den Verstand des Kindes so programmiert, dass schon bald keine Erinnerung mehr an das wahre geistig-seelische Wesen und den eigentlichen Grund des Hierseins ist. In diesem Vergessen mag es vorkommen, dass sich duale Partner nicht mehr erkennen oder miteinander verständigen können, da sie ihr wahres Wesen verdrängten, indem sie sich mit einem „Schein-Ich“ identifizierten.
In der Wirklichkeit des Ideals der miteinander Eins seienden Duale, geht die vermeintlich „große Liebe“ und die Hoffnung seinen dualen Lebenspartner schon hier auf Erden gefunden zu haben, oft mit Enttäuschung einher, wenn das anfänglich so starke Gefühlserleben heftigen Verliebtseins sich bald im Grau des Alltags aufzulösen scheint.
Dies liegt zumeist daran, dass die Partner ihre Vorstellungen und Wünsche in den Partner wie auf eine weiße Leinwand projizieren. Natürlich kann das nur mit Enttäuschung enden, wenn man schließlich erkennt, dass der Andere nicht so ist, wie man ihn sehen und haben wollte, sondern ein ganz eigener Mensch.

 

 

Der Sturz aus dem Liebehimmel

Das größte Problem und die größte Herausforderung einer Liebesbeziehung ist das Überwinden der Gegensätze dieser bipolaren Welt. Mit der Lösung dieser Aufgabe innerhalb der Partnerschaft wird zugleich ein Beitrag geleistet zur Heilung der Welt. Die einzige Kraft, die dies zu bewirken vermag, ist die Liebe.
Sobald die Liebenden aus dem gemeinsamen zweigeeinten Herzen fallen, finden sie in sich nur noch Widerspruch. Aus der Einheit des Herzens zurück in die Gespaltenheit der Bipolarität gefallen, ist da – statt des allverstehenden „Wir“ – nur noch die Rechthaberei des konditionierten Egos:
 

Ich habe Recht und Du bist falsch!

 
Dabei trifft alles, was der Eine dem Anderen vorwirft auf ihn selber in besonderem Maße zu: Es würde ihn am Anderen nicht stören, wenn er es, als sein eigenes Verhaltensmuster, nicht in sich selber verdrängt hätte. In solch einer Situation werden die Programme des programmierten Verstandes sichtbar – und das ist der Grund dafür, dass sich die Liebenden auf diese Weise in unbewusstem Liebesdienst die Knöpfe drücken, damit sie sich aus den alten Konditionierungen befreien, indem sie die alten Programmierungen transformieren und – in Überwindung der verstandesgesteuerten Rechthaberei – in ihrer Liebefähigkeit wachsen.
 
Die Konfrontation mit den Konditionierungen des jeweils Anderen bewirkt, dass der eine duale Partner dem anderen seinen inneren Widerspruch sichtbar macht. Auf diese Weise kommt ans Licht, was tief im Unbewussten beider noch steckt: Unbewältigtes, von dessen schattenhafter Existenz sie in ihrer Konditioniertheit jede Ahnung verdrängt hatten. Die Sichtbarwerdung im Spiegel des Anderen bringt einen Prozess in Gang, der schmerzt (weil man alte Vorstellungen von sich selber aufzugeben hat) und dem man sich etwa dadurch entziehen will, dass man den Anderen dafür verantwortlich macht, was man in dessen Spiegel von sich selber sieht; – oder dass man den Anderen verändern möchte, indem man „Licht“ in dessen Dunkel (das nur das eigene Dunkel ist) bringen will, was natürlich jeder der Partner nur selbst tun kann.

 

Ein anderer Grund für das Scheitern einer hoffnungsvollen Liebe ist, dass einer der Partner von dem Anderen erwartet, dass er ihn mit etwas bereichert und beschenkt, was er selber nicht hat. Dieser Ausdruck einer „Bedürftigen Liebe“ ist immer Zeichen mangelnder Liebereife, da man die wahre Liebe in sich selber noch nicht wirklich gefunden hat.
Das harte Hinabsteigen in noch Unbewältigtes und Ausgeblendetes kann nur im Vertrauen, dass die Liebeführung letztendlich für Alle das Bestmögliche wirkt, im wechselseitigen Austausch eines gemeinsamen Liebewachsen ins Herzenslicht gehoben und befreit werden. Sich darauf einzulassen und diesen Prozess der Liebe-Transformation zu wachsender Bewusstheit wirklich anzunehmen, anstatt enttäuscht und resigniert, an der Liebe zweifelnd aufzuschreien wie ein aus dem Traum gerissenes Kind, wirkt die Erlösung aus dem egomanen Schein und die Befreiung zum wahren Selbst, die uns Liebenden im gemeinsamen Schwingen in himmlische Sphären erhebt.
Deshalb gibt es diese Sehnsucht nach partnerschaftlicher Ergänzung, weil wir – als irdische Wesen von jahrtausendaltem Massenbewusstsein geprägt – nur beschränkt liebefähig sind, da wir alle (oder zumindest die allermeisten) nicht wirklich genug Liebe erfahren haben, sondern mangels liebevoller Annahme unseres einzigartigen Seins, so sein sollten, wie unsere Eltern, die Schule und die Gesellschaft uns haben wollten. Aus dem Zustand, der daraus erfolgten Selbstentfremdung, zurückzufinden – in liebevoller Annahme unseres wahren Selbstes – ist die Lebensaufgabe eines Jeden. Denn das ist der Grund unseres Hierseins und unsere partnerschaftlichen Verbindungen helfen uns dabei, unsere verleugnete Liebe wiederzufinden. (Sei es durch die Weckung wahrer Liebegefühle zu dem Partner – oder durch „Knöpfedrücken“ – indem der Partner zielsicher unsere „wunden Stellen“ findet).
 
Hier beginnt der Erlösungsplan des Geistes der Liebe, der die Liebenden gegenseitig zu „Lehrmeistern“ macht, indem Er sie in ihren Auseinandersetzungen einander ihre Widersprüche spiegeln lässt, die nur in ganzheitlichem Verstehen und Liebe aufzulösen sind. Je mehr wir die vergessene Liebe in uns wiederfinden – als Liebe zu Gott, zu uns selbst und zum Partner – je mehr verbindet sich unser seelisches Dual mit uns, indem es im geliebten Partner durch unsere Liebe sicht- und fühlbar wird.

 

Die Liebe lässt die wahrhaft Liebenden – egal wie hoch die Wogen an die Klippen der Welt auch schlagen mögen – ein sicheres Schiff bauen, welches sie die Klippen gelassen umschiffen lässt, dass sie an ihnen nicht zerschellen.